Theater-Werkstatt der Wigbertschule präsentierte Dürrenmatts „Besuch der Alten Dame"/ Inszenierung mit Tiefgang
Die Moral ist tot - es lebe die Moral!

Hünfeld (ju)

Friedrich Dürrenmatt raufte sich nach der Uraufführung des „Besuchs der Alten Dame" die Haare. „Es war ein unbeschreibliches Durcheinander", soll er 1956 in Basel gesagt haben. Erste Hauptprobe mit Kulisse und Kostümen, Generalprobe und Premiere - alles fand an einem einzigen Tag statt. Der Regisseur der Theater-Werkstatt der Wigbertschule, Arnold Pfeifer, dagegen strahlte. Aus dem unbeschreiblichen Durcheinander der Proben entwickelte die Gruppe eine Aufführung mit Tiefgang.

„Der Besuch der Alten Dame" ist eine tragische Komödie, die von der Käuflichkeit der Moral erzählt: Der Besuch der Milliardärin Zachanassian lässt die verarmten Bewohner des Provinzstädtchens Güllen auf eine Finanzspritze hoffen. Vor 45 Jahren hatte sie ihre Heimat verlassen. Was die Bewohner verdrängt haben, ist der Grund für das Verschwinden der Kläri Wäscher, wie sie damals hieß. Alfred Ill, ihr Jugendfreund, hatte die Vaterschaftsklage mit Hilfe eines falschen Zeugen abgeschmettert. Sie wurde verhöhnt und verstoßen. Die Heirat mit einem steinreichen Öl-Multi gab ihrem Leben die entscheidende Wende. Nun kommt die reiche alte Dame zurück und will „Gerechtigkeit": „Güllen für einen Mord - Konjunktur für eine Leiche", wie sie sagt. Sie bietet den Bewohnern eine Milliarde für das Leben Alfred Ills.
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Außerdem waren zu sehen: Daniela Petersen als hinkender Butler Boby mit eindrucksvoller Reibseisenstinime, Christina Strobl, Erik Schäckermann und Miriam Hans als Ills Familie, Lena Faust als Pastorin, Stephanie Jost als Ärztin, Sandra Juli als Polizistin, Janis Zoll als Herr Hofbauer - ein Metzger und klassischer Mitläufer - Anne Veltum als beängsti­gend ausgepolsterte arbeitslose Frau Helmesberger, Theresa Tillmann als Frau Kühn und Annabelle Koch als Künstlerin.

Die Kulisse hatte Regisseur Arnold Pfeifer mit der Gruppe geschickt, weil minimalistisch, gestaltet. Wie von Dürrenmatt vorgegeben, fand der Umbau bei geöffnetem Vorhang statt. Mit wenigen Handgriffen verwandelte sich der Konradsweilerwald zum Lokal „Goldener Apostel", zur Pe-terschen Scheune und Ills Laden. Die deutsche Baumgruppe wurde vom Ensemble selbst dargestellt. Herr Hauser (Johannes Trost) verwandelte sich zweimal zum „scheuen Reh", das im Schweins- galopp über die Bühne polterte -sehr zur Freude der Zuschauer.

Der letzte Akt endete mit den Freudenschreien der Güllener über den Milliarden-Scheck. Als der Vorhang fiel, hielt der Jubel auf der Bühne an - die Gruppe feierte eine erstklassige Aufführung, die das Publikum auf der anderen Seite mit anhaltendem Beifall honorierte.
Szenenfoto aus der Aufführung „ Besuch der alten Dame".
Foto: Richard Schnura

Die Hauptrollen sind vielschichtig angelegt. Tragik und Komik gilt es zu vereinen - was den 18 Darstellern hervorragend gelang. Komische Effekte entstanden durch ausgereifte Gestik, Mimik und echten Slapstick.

Vor allem die männlichen Darsteller, die auch in der Theater-Werkstatt in chronischer Minderzahl sind, begeisterten. Lukas Kout, der die Gatten VII bis IX darstellte, amüsierte mit seiner Verwandlungsfähigkeit - mit Brusthaartoupet und Angelroute, als Schauspieler mit Starallüren oder als schusseliger Literaturnobelpreisträger.

 

Der Bürgermeister (Christian Stock) brillierte vor allem in Zwiegesprächen mit Alfred Ill. Ständig kauend verkörperte er die Unersättlichkeit und Doppelmoral seiner Stadt. Die Lehrerin (Anne Pfennig) ertränkte ihren Glauben an die Humanität im Steinhäger und wandelte sich von der spröden Autorität zur torkelnden Parodie ihrer selbst.

Die tragische Figur des Alfred Ill wurde von Benjamin Dillenbur-ger großartig in Szene gesetzt- ein junger Charakterdarsteller in einer klassischen Charakterrolle. Als sich anbiedernder dreister „verkrachter Krämer" musste er erfahren, dass die Solidarität seiner Nachbarn bröckelt. Am Ende des zweiten Aktes erkennt er: „Ich bin verloren". Er erscheint im Finale als letztes menschliches Individuum auf der Bühne, wäh-rend die anderen sich aus Habgier zur lynchenden Meute verwandeln.

Katharina Menz hatte als Alte Dame alle Fäden in der Hand. Die Figur verbindet das Groteske mit dem Grausamen. Die Darstellerin ließ die Zuschauer hinter der milliardenschweren Fassade aus Schmuck und Pomp die alten Wunden erkennen. Die Härte in der Stimme und die Bestimmtheit der Gesten verliehen der Aufführung ihre Ernsthaftigkeit. Sie füllte die große Rolle mit selbstbewusster Bühnenpräsenz aus.

Eine ganz eigene, unverzichtbare Richtung, schlug Max Ohlendorf als Toby ein. Er, der falsche Zeuge von einst, wurde von der Zachanassian aufgespürt, geblendet und kastriert. Mit Glatze, Sonnenbrille und Eunuchenstimme wirkte sein Erscheinen surreal und unheimlich und ließ die Alte Dame noch grausamer wirken.

Kritik der Hünfelder Zeitung vom 1.06.2004

 

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