„Einsam bist du sehr alleine"

Irrfahrten frei nach HOMERs Odyssee Theaterwerkstatt der Wigbertschule Hünfeld

Spielleitung: Arnold Pfeifer, Wiebke Häseker

Die Spielerinnen und Spieler der Theaterwerkstatt der Hünfelder Wigbertschule formulierten ihre Absicht so: "Wir wollten eine alte Geschichte modern und interessant machen". Und sie haben sich dafür einen wahrlich alten Stoff vorgenommen: Die Irrfahrten des Odysseus, ein Vorschlag des Spielleiters Amold Pfeiffer, für den die Gruppe schnell zu begeistern war. „Wir haben gut experimentieren können", beschreiben sie den Reiz, den diese Geschichte auf sie ausgeübt habe. Bei dem großen Anteil von Schülerinnen (20 von 26) sei von Anfang an klar gewesen, dass die Frauengestalten eine gewichtige Rolle spielen und nicht nur Garnitur des Helden sein sollten. Davon später mehr. Die Zuschauerinnen und Zuschauer finden sich zunächst in ein Museum versetzt, Abteilung „Die Götter Griechenlands". Da stehen sie, verteilt auf dem Vorplatz des Schwanenteichsaals: Zeus, Hera, Apollon und all die anderen. Insgesamt ergeben sie ein schönes Bild, einzelne fallen durch ihre Präsenz und Präzision besonders auf, vor allem Hephaistos, der Schmied. Anachronistische Brechungen sind bewusst vorgenommen: Ares z. B. hantiert mit einer Spielzeugpistole (ich halte sie für überflüssig). Andere sind eher verhalten, bleiben statisch, gehen unter. Eine sehr souveräne Museumsführerin erklärt uns die Göttergesellschaft. Ein viel versprechender Anfang. Das macht neugierig.

Dann im Saal ein Knall: In Lederkluft und mit Handy ausgestattet tritt ein Musiker-Profi auf, ein durch die Provinz tingelndes, leider verkanntes Genie, setzt sich ans Klavier und in Szene. Das kommt an beim jugendlichen Publikum! Das also ist der moderne Odysseus. Unbestritten sind sein musikalisches Talent, seine Souveränität, seine Entertainer-Qualitäten, aber - so wird sich im Laufe der GeschichteN herausstellen - manchmal wirkt diese Rahmenstory doch recht konstruiert. Viele TV-Klischees sind offensichtlich, die Parallelität zu den Irrfahrten des Odysseus scheint zum Teil erzwungen. Aber, so die Gruppe, diese Figur sei nötig, um die notwendigen Umziehpausen überbrücken zu können.

Die Hauptbühne bleibt solange leer, der Blick ist frei auf die schlichte, aber wirkungsvolle Kulisse: Einfache Blöcke am hinteren Rand, multifunktional einsetzbar, markieren sowohl Außenräume wie den Marktplatz von Troja oder Landschaftsformationen, als auch Innenräume wie die Gemächer der Penelope. Besonders gelungen ist der Einsatz dieser Blöcke bei der Darstellung des Schiffes, ein Bild, das immer wieder aufgenommen wird, um die einzelnen Stationen des Odysseus zu verbinden. Oben stehen Odysseus und Steuermann, auf der unteren Ebene die Mannschaft, mit Stöcken rudernd. Im Ansatz also schön und klar, doch hier zeigen sich Schwächen, die auch an anderen Stellen deutlich werden: Zunehmend schleichen sich Schlampigkeiten ein, nicht immer ist der Rhythmus präzise und die Bewegung synchron, was für so eine Stilisierung nötig wäre. Die Gruppe erklärt diese fehlende Konzentration mit Hektik und Nervosität im Hinblick auf die nächste Szene. Der Zeitdruck habe ihnen zu schaffen gemacht, und streichen wollten sie keine Station, dann lieber schneller spielen! Dabei hätte eine Kürzung gut getan. Odysseus hätte nicht minder heldenhaft nach Hause zurückkehren können, die einzelnen Szenen hätten jedoch nicht so gehudelt werden müssen, durch Beschränkung und Konzentration wären die Figuren vielleicht überzeugender und glaubhafter geworden.

Die   Geschichte   ist bekannt: Troja fällt, die Heimfahrt nach Ithaka wird für Odysseus zur zehnjährigen Irrfahrt. Er und seine Besatzung landen und stranden an den Küsten verschiedener Inseln, sehen sich immer neuen Herausforderungen gegenüber, bestehen verschiedene Abenteuer, überwinden Gefahren, beweisen Stärke. Da gibt es immer wieder schönes Gruppenspiel zu sehen, manchmal unterstützt durch Stockeinsatz, aber es zeigen sich halt auch die Schwachstellen. Nicht immer war die Präsenz vorhanden. Ein viel zu braver Zyklop hat's schwer, wirklich bedrohlich zu erscheinen und zu überzeugen; ein Odysseus, der sich an den Mast binden lässt, um den Reizen der Sirenen nicht zu erliegen, brauchte mehr Körpereinsatz, um glaubhaft zu sein. Eine schöne Abwechslung ist die Hadesszene. Aus dem Saal kommen die Toten auf die Bühne, stellen sich im lockeren Halbkreis auf, der sich öffnet und den Blick frei macht auf die Privaträume der Penelope und sich wieder schließt.

Diese, so wissen die Zuschauer schon, ist zu Hause auf Ithaka und wartet. Es war das Anliegen der Gruppe, den Penelope-Szenen das gleiche Gewicht zu geben wie denen von Odysseus und seiner Mannschaft. Realisiert wird dies durch den ständigen Wechsel der Schauplätze. Die Gattin des Odysseus tritt dreifach auf: Ihr Inneres wird durch zwei Schatten (oder zwei Ichs) verdeutlicht, zum einen der Vamp, aufreizend-pfiffig gekleidet, zum anderen die Unschuldige, im Faltenröckchen und blass. Hure gegen Heilige, Trieb gegen Treue, rot gegen weiß: Da hat's die Unschuld schon manchmal recht schwer, gegen den gelungen gespielten Vamp zu konkurrieren, auch wenn beide Spielerinnen sowohl diskotänzerisch die als auch stimmliche Qualitäten bewiesen. (Für mich stellt sich hier auch die Frage, ob das Gegenbild zum „Weib" wirklich das Dummchen ist!). Die Idee, den Konflikt der Penelope durch die Figurenspaltung darzustellen, ist aber überzeugend.

Währenddessen warten im Vorzimmer die Freier, die sich ins gemachte Nest setzen bzw. legen wollen. Sie fressen, saufen, reißen zotige Witze, alles dankbare Rollen, bei denen sich komödiantisches Blödem austoben kann (auch hier herausragend: der Hephaistos-Darsteller). Aber das nutzt sich halt auch ab. Dagegen kommt Telemach, der Jüngste, als Hüter der Tugend seiner Mutter schwer an, er schlägt sich aber tapfer.

In der Schlussszene wird gezeigt: Über allem thronen die Götter, doch kommen sie nicht so recht in die Gänge, die Spielerinnen und Spieler wirken etwas müde. Sie haben sich wohl etwas zu viel vorgenommen. Man hörte von ihrem großen Erfolg bei den hessischen Schultheatertagen in Hanau, da war das Stück noch kürzer. Schade, etwas mehr Präzision statt unnötiger Längen, und es wäre noch etwas flotter und pfiffiger geworden.
Rita Weiß 
 

Zurück zur Chronik-Übersicht
Zurück zur Jahresübersicht 1999

Letzte Änderung:

Optimiert für Netscape 4.7 bei 800x600
©by Henrik Schröder 2000
All rights reserved!