Die
Besetzung |
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Agnes als Erwachsene Tontechnik |
Lisa Stangier Pierre van Endert |
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Theaterwerkstatt der Hünfelder Wigbertschule spielt das Drama „ Agnes"
Die Zukunft eines missbrauchten Mädchens
Von unserer Mitarbeiterin Juliane Schroeter
Hünfeld
„Jetzt lasst uns doch noch mal über den Umbau vor der sechsten Szene reden, das muss blitzschnell gehen. Was müssen wir da auf den Tisch legen? Wir müssen den Tisch decken, das heißt wir brauchen zwei Teller, zwei Tassen, Besteck, den Mantel und das Schuhputzzeug. Die Kanne dürfen wir nicht vergessen! Okay Leute, schreibt euch das auf!" In den Proben der Theater-Werkstatt der Wigbertschule Hünfeld wird den organisatorischen Details noch der letzte Schliff gegeben, wer kann zwischen welchen Szenen die Bühne umbauen oder umdekorieren, wer muss sich umziehen.
Brisantes Thema
Schließlich soll es keine Pannen geben, wenn sich am morgigen Mittwoch der Vorhang zur Premiere des neuen Theaterstückes hebt. In diesem Jahr bringt die Theater-Werkstatt das Drama „Agnes" an drei Abenden auf die Bühne des Kolpinghauses. Das Schauspiel der zeitgenössischen französischen Dramatikerin Catherine Anne behandelt ein brisantes Thema: Es geht um sexuellen Missbrauch. Agnes wird als junges Mädchen von ihrem Vater missbraucht und misshandelt. Ihre Geschichte wird erzählt, eine Geschichte, die von den Schwierigkeiten, der familiären Misere zu entkommen, ein eigenes Leben zu führen und eine „normale" Liebesbeziehung aufzubauen, berichtet. Das Stück begleitet eine junge Frau in ihrer Auseinandersetzung mit dem Missbrauch in ihrer Kindheit, erklärt Arnold Pfeifer, Leiter der Theater-Werkstatt. „Sexueller Missbrauch taucht zwar häufig als Thema in den Medien auf, aber die Besonderheit dieses Dramas besteht darin, dass es sich dem Opfer widmet und darstellt, wie jemand mit solchen Erlebnissen leben und überleben kann."
Klare Entscheidung
Wie kam die Schauspielgruppe auf die Idee, gerade dieses Stück auf zuführen? Arnold Pfeifer hat in Frankfurts Bibliotheken recherchiert und eine Handvoll Dramen gefunden, die er den Schülerinnen der Theater-Werkstatt vorgeschlagen hat. „Die Gruppe hat sehr einmütig entschieden, eine so deutliche Entscheidung für ein Stück habe ich noch nie erlebt," so Arnold Pfeifer. Angst hatte er nicht, eine so sensible Thematik mit einer Gruppe, die aus 15 jungen Leuten im Alter von 15 bis 21 Jahren besteht, auf die Bühne zu bringen. Natürlich sei es eine immense Herausforderung, sagt er, denn die Jugendlichen müssten Erfahrungen spielen, die sie selbst nicht gemacht haben. Geprobt wird seit September 2001, einmal in der Woche, aber kurz vor der Premiere sind noch viele Probentage hinzu gekommen. Braucht man da nicht gute Nerven, um sowohl der Schule, als auch der Theaterwerkstatt gerecht werden zu können? „Klar ist das viel Stress, aber es macht auch viel Spaß!" - darin sind sich alle einig. Die zeitraubende, anstrengende, aber sehr spannende Vorbereitung auf ein Stück ist ihnen aber nicht mehr neu, denn abgesehen von zwei Neuzugängen haben alle bereits Erfahrungen im Theaterspiel Werkstatt gesammelt.
Je nach Erfahrung wurden auch die Rollen vergeben, ebenso aber natürlich danach, wie sehr sich jemand in eine Rolle einfühlen und sie dementsprechend dem Publikum vermitteln kann. Klar, dass manchmal am liebsten mehrere Schüler oder Schülerinnen dieselbe Rolle gespielt hätten. „Ich wollte ursprünglich mal eine der drei Rollen, die die Agnes verkörpern, spielen", sagt Anne Pfennig. „Jetzt spiele ich stattdessen die Großmutter. Aber das ist eigentlich die lustigste Rolle, denn die Oma ist manchmal schon ein bisschen verwirrt und kommt mit einem Rollstuhl auf die Bühne ...". Auch Henrik Schröder, der den Vater von Agnes spielt, musste sich an seine Rolle gewöhnen, denn er spielt einen Mann, der seine Tochter missbraucht: „In der Rolle muss man Dinge tun und Sachen sagen, die man sonst nie tun oder sagen würde. Ich musste mich da am Anfang erst überwinden."
Begeisterung
Das Ass, dass die Theater-Werkstatt gegenüber ihren professionellen Kollegen im Ärmel hat, ist ihre Begeisterung: „Das Stück ist wirklich toll", meint Katharina Menz, die die zwölfjährige Agnes spielt. Und Daniela Petersen alias Agnes als junges Mädchen fügt hinzu: „Wir wollen nicht als Moralapostel daherkommen, sondern die Dinge einfach darstellen." Wie ihnen das gelingen wird, kann man am Mittwoch, den 22. Mai, am Freitag, den 24. Mai und am Samstag, den 25. Mai um jeweils 19.30 Uhr im Kolpinghaus sehen.
Karten sind in der Wigbertschule unter der Telefonnummer (066 52) 20 33 reservierbar und an der Abendkasse erhältlich.
Fotos: Karl-Heinz Burkhardt, Quelle: Hünfelder Zeitung Nr. 115, 21. Mai 2002 Seite 16
Theater-Werkstatt führte das Drama "Agnes" im Kolpinghaus auf
Eindrucksvolle Bilder einer zerstörten Jugend
Von unserer Mitarbeiterin Juliane Schröter
Hünfeld
„Sexuellen Missbrauch stellen alle Handlungen eines Erwachsenen oder Jugendlichen mit, an oder vor einem Kind dar, die dazu dienen, seine eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Intimität, nach Macht und Kontrolle, nach Sex zu befriedigen. Dabei nutzt der Täter seine Macht und Autoritätsposition aus, um gegenüber dem abhängigen und/oder körperlich unterlegenen Kind seine Interessen durchzusetzen. Das Kind ist aufgrund seiner kognitiven, emotionalen und psychosozialen Entwicklung nicht fähig, in wissentlichem Einverständnis dem sexuellen Kontakt zuzustimmen oder ihn abzulehnen."
Es ist sicher ungewöhnlich, wenn in der Begrüßung zu einer Schultheateraufführung eine Definition von sexuellem Missbrauch - diese stammt von Dirk Bange - gegeben wird. Dass Arnold Pfeifer, Leiter der Theater Werkstatt der Wigbertschule Hünfeld, es dennoch tut, hat seinen guten Grund: Das Stück „Agnes", das von der Theater-Werkstatt im Kolpinghaus aufgeführt wird, behandelt sexuellen Missbrauch.
Beginn einer Tragödie
„Ich
weid dich nur mal untersuchen" - Agnes trifft sich mit Achmed, einem Freund.
Ihr Vater kommt zufällig hinzu und beschimpft wüst seine zwölfjährige Tochter.
Sie sei mit Achmed im Bett gewesen. Er droht ihr Schläge an. Agnes - völlig
bestürzt - versucht ihrem Vater zu erklären, dass sie nur Musik gehört haben.
Daraufhin beginnt der Vater, sie zu untersuchen. „ Wie beim Arzt", so sagt
er. Was so beginnt, wird für die junge Agnes zu einer Tragödie, die in ihrem
weiteren Leben immer präsent sein wird. Das Drama der französischen Autorin
Catherine Anne macht deutlich, was sexueller Missbrauch für einen jungen Menschen
bedeutet Die Geschichte von Agnes reicht vom beginnenden körperlichen Interesse
des Vaters an seiner Tochter, über eine Schwangerschaft mit Fehlgeburt, das
Kennen lernen eines normalen Lebens in den Ferien bei der Tante bis hin zur
Entführung mm Agnes durch ihren Vater und ms zum Prozess gegen ihn.
„Du musst deinem Vater gehörten. Was kann ich dagegen machen?" - Das Besondere des Stückes ist, dass nicht nur eine Geschichte als dramatische Handlung auf die Bühne gebracht wird, sondern dass sich aus 45 Szenen das Mosaik eines familiären Desasters ergibt, das aus einem Netz von Opfer- und Täter-Beziehungen besteht. So stellt die Theater-Werkstatt sehr überzeugend die trostlose Atmosphäre in Agnes' Elternhaus dar: Henrik Schröder gelingt es in der Rolle des Vaters, das Schwanken zwischen Perversität und Hilflosigkeit herauszuarbeiten. Er spielt sehr überzeugend einen Mann, der, um seine Probleme zu kompensieren, zum Despoten wird. Brillant ist auch Verena Ezell als unselbständig-biedere Ehefrau und Mutter, die ihre Lebensträume begraben hat und vor dem Verhalten des Mannes die Augen verschließt. Hinzu kommt eine verwirrte, aber schlaue Großmutter, wunderbar grotesk verkörpert von Anne Pfennig.
„Eines Tages habe ich die Wörter für Liebe alle in einen Schuhkarton getan und vergraben" - Dass das Missbraucht-Worden-Sein etwas ist, was das Opfer in seinen Beziehungen zu anderen Menschen ein ganzes Leben begleitet, wird in den Szenen deutlich, in denen Agnes' Verhältnis zu Männern geschildert, wird: Die Vorstellung des Vaters schiebt sich immer wieder zwischen Agnes und Ludovic, ihren ersten Freund, dessen Überforderung Janis Zoll sehr gut zum Ausdruck bringt. In Pierre (natürlich und überzeugend gespielt von Benni Dillenburger) findet Agnes schließlich einen Menschen, der ihr den Halt geben kann, den sie braucht.
Realistisches Bild
„Ich
lebte wie hinter Milchglas" - Zwischen den Szenen der Handlung liegen immer
wieder reflektierende Einschübe, die zeigen, wie Agnes ihre schrecklichen Erfahrungen
verarbeitet. Agnes tritt in dreifacher Form vor das Publikum: Als schüchternes,
hilfloses zwölfjähriges Mädchen (Katharina Menz), als junges Mädchen, das gegen
die eigene Ohnmacht rebelliert (Daniela Petersen) und in der Aufarbeitung der
Vergangenheit als Erwachsene (Lisa Stangier). Alle drei demonstrieren in ihren
Rollen eindrucksvoll ihre schauspielerischen Fähigkeiten. Sie vermitteln damit
dem Zuschauer ein sehr realistisches Bild von der schwierigen Situation Agnes'.
Thema in der Schule
„Muss denn so ein Thema im Schultheater sein?" - Auf die oft gestellte Frage antwortet Arnold Pfeifer, Leiter der Theater-Werkstatt: „Ja, es muss sein, weil sexueller Missbrauch im Leben von vielen Kindern und Jugendlichen ein Thema ist und damit auch in der Schule eines ist." Dass die Theater-Werkstatt die Herausforderung angenommen hat, sich mit einem so ernsten und sensiblen Stoff zu beschäftigen, hat sich gelohnt: Nach einem Dreivierteljahr Probenzeit unter Arnold Pfeifer und seinem Assistenten Pierre van Endert überzeugt die Gruppe von 15- bis 21-Jährigen mit einer sehr professionellen, einfühlsamen und differenzierten Leistung. Nach der gelungenen Vorstellung ist die Freude bei den Laienschauspielern und -Schauspielerinnen groß: „Bei so einem Stück wussten wir ja gar nicht, ob die Leute am Ende überhaupt klatschen." „Es hat so viel Spaß gemacht!" „Schade, dass schon wieder eine Aufführung vorbei ist."
Fotos: Karl-Heinz Burkhardt, Quelle: Hünfelder Zeitung Nr. 120, 27. Mai 2002 Seite 16
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